Entfalten braucht Raum zum Rückzug – und zur Verbundenheit
Der Schmetterling, der nach dem Schlüpfen seine Flügel ausbreitet, ist ein passendes Symbol für die Entfaltung. Jetzt kann er endlich fliegen und der Welt seine Farben und Muster zeigen.
Was braucht es eigentlich, damit wir Menschen uns entfalten und unsere Aufgabe in der Welt erfüllen können?
In diesem Essay findest du Antworten auf diese Fragen und bestimmt neue Impulse.
Raum zur Entfaltung: entfalte dich!
Sprechen wir von „Raum zur Entfaltung“ zeigt sich vor dem inneren Auge meistens das Bild einer großen Fläche, etwa eine saftige Blumenwiese, majestätische Berggipfel oder ein prachtvoller Saal. Wir stellen uns vor, uneingeschränkt Platz zu haben, um das zu tun, was wir wollen und so zu sein, wie wir sein wollen. Entfaltung braucht Platz – so der Glaube.
Schmetterlinge entstehen allerdings unter völlig anderen Bedingungen: in einem engen, dunklen Kokon, in dem sie als Ex-Raupe tage-, wochen- oder monatelang unbeweglich verharren und darauf vertrauen, dass sich alles entwickelt, das sie für ihr Leben als zauberhafter Schmetterling brauchen.
Was passiert im Kokon: Unnötige Körperteile der Raupe werden verwandelt oder abgestoßen. Neue Körperteile bilden sich, wie etwa die charismatischen Flügel, die das kriechende Raupenleben endgültig beenden und den Schmetterling vollkommen machen.
Bevor sich ein Schmetterling also voll und ganz entfalten kann und seine Flügel ausbreitet, braucht es eins: Rückzug!
Kündigt sich der Rückzug in den Kokon an?
Wenn du mein Buch gelesen hast, weißt du, dass wir Menschen meist unbewusst unseren Kokon „beziehen“. Erst im Nachhinein wird uns bewusst, was der Auslöser für den Einzug, der ein Rückzug wurde, war. Bei mir war es die Teilnahme an TEDx Dubai, die mein Leben und meine Haltung innerhalb weniger Stunden durcheinandergewirbelt hat.
Es hat noch gute 10 Jahre gebraucht, bis ich mich vollkommen entfalten konnte.
Eines ist sicher: Ohne diese mannigfaltigen Erfahrungen, die ich im Kokon gemacht habe, könnte ich heute nicht das Leben führen, das ich führe.
Und nein: Ich lebe nicht im Überfluss, auch nicht in Saus und Braus und schon gar nicht in Luxus. Im Gegenteil: Mein Leben ist reduziert auf die Essenz und wird von Tag zu Tag fokussierter. Will heißen: Unnötiges verschwindet regelmäßig aus meinem Leben. Weil ich es kann und weil ich es so will.
Es ist so: Wer einmal die Leichtigkeit eines Schmetterlings erreicht hat, will in keinem Fall wieder zurück in ein Leben, das einer Raupe gleicht. Fressen und Wachsen ohne Einhalt sind für Schmetterlinge nicht attraktiv.
Dein innerer Raum: der Kokon
In den Kokon kommst du also automatisch, sofern du für dich, tief im Inneren, die Entscheidung getroffen hast, ein wahrhaftiger Schmetterling zu werden. Das heißt: Du siehst das Ende deines Raupenlebens und willst dich davon verabschieden. Jetzt fängst du an, deinen Kokon zu bauen.
Praktisch heißt das:
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- Du stellst viele Bereiche deines Lebens infrage und hältst nach Alternativen Ausschau. Einige davon probierst du aus.
- Du beginnst, dich von Überflüssigem und Altem zu trennen. Das kann materiell, örtlich, geistig oder seelisch sein.
- Du schaust endlich genauer auf die Themen, die dir das Leben schon seit langer Zeit schwer machen.
- Du erkennst Muster, die sich wiederholen. Dabei öffnen sich vielleicht alte Wunden. Doch jetzt bist du bereit, sie zu heilen, und es wird dir gelingen.
Genau deshalb nenne ich die Phase im Kokon auch: die heilende Vorbereitung.
Wichtig: All das geht in deinem persönlichen Tempo vonstatten. Niemand kann deine Ent-Wicklung beschleunigen. Doch es gibt viele Menschen, die dich dabei begleiten können. Weiter unten liest du, was ich damit meine.
Ohne Kokon kein Schmetterling; ohne Rückzug keine Entfaltung
All die langen Jahre des Wachsens als Raupe, die heilenden Entbehrungen im Kokon und die Verwandlung zum Schmetterling sind Teil eines universellen Planes, den wir nur bedingt beeinflussen können. Auch nicht, indem wir uns weigern oder uns drücken.
Wer ein fliegender Schmetterling sein will, der kommt um die Verpuppung nicht herum. Die vorbereitende Phase im Kokon folgt unserem Entschluss, vollkommen wir selbst zu sein, ganz automatisch. Sie ist notwendig für die Heilung, die der Ent-Faltung vorausgehen muss.
Es gilt also: Ohne Kokon kann kein Schmetterling entstehen.
– Auszug aus dem Buch „Schmetterlinge fallen nicht vom Himmel“ von Gabriele Feile
Wer dir hilft, dich selbst zu finden
Bei aller Notwendigkeit des Rückzugs (und damit des zeitweiligen Alleinseins), brauchen wir Menschen ebenso die Verbindung zu anderen Menschen. Das unterscheidet uns von den Raupen.
Bei der Selbstfindung gehen die stille Selbstreflexion und die Spiegelung von außen Hand in Hand. Andere Menschen weisen uns bewusst oder unbewusst, auf unsere „blinden Flecken“ hin. Oder sie sind uns durch ihre Haltung oder ihr Handeln ein Vorbild.
Wieder andere begegnen uns, damit sie mit ihrer Expertise ein akutes Thema lösbar machen. Das sind die Helferlein, von denen ich gerne spreche. Sie tauchen meist genau zur rechten Zeit auf und freuen sich, dir helfen zu können.
Und dann gibt es diejenigen, die uns reizen, die wir nicht leiden können, die etwas in uns auslösen, was uns unleidig macht. Von ihnen lernen wir am meisten! Denn sie zeigen uns häufig, welche Eigenschaften oder Angewohnheiten wir an uns selbst nicht mögen. Oder welche Themen wir noch nicht angeschaut haben.
Mein Tipp: Nimm solche Begegnungen dankbar an und finde heraus, was du vom Verhalten der anderen Person lernen kannst. Frage dich, ob du selbst auch schon ähnliche Reaktionen gezeigt hast, und wenn ja, in welcher Situation.
Male dir aus, welche Reaktion du von deinem Gegenüber lieber gehabt hättest. Und dann beziehe all dies auf dich.
Fang auf keinen Fall an, dir den Kopf der anderen Person zu zerbrechen. Das funktioniert sowieso nicht. Denke auch nicht darüber nach, was er oder sie von dir denkt oder hält und warum er oder sie so ist.
All das beansprucht deine Energie, die du besser für dich selbst einsetzt. Das ist leichter gesagt, als getan – ich weiß.
Raum für Verbundenheit und Zugehörigkeit
Viele Menschen, denen ich begegne, mögen es, sich mit anderen in kleinen Gruppen auszutauschen. Es hilft ihnen, über ihre Erfahrungen und Zweifel zu sprechen. Auch hören sie gerne, was andere in ähnlichen Lebensphasen erleben oder erlebt haben. Das ist das Prinzip der Selbsthilfegruppe.
Wenn dir das liegt, ist es wie bei den Helferlein: Die passende Gruppe findet dich in der Regel zur rechten Zeit.
Hierbei gilt: Jede Selbsthilfegruppe im Bereich „Selbstfindung“ sollte zum Ziel haben, die Mitglieder irgendwann zu „entlassen“.
Damit meine ich: Es ist für die individuelle Entfaltung meiner Erfahrung nach nicht wirksam, wenn sich die Mitglieder jahrelang austauschen, ohne vorwärtszukommen. Gerade, wenn es reine Frauengruppen sind, besteht die Gefahr, dass die Mitglieder einander nicht „loslassen“ können. Es wird womöglich nicht gerne gesehen, wenn eine scheinbar „heraussticht“ und ihr eigenes Ding macht.
Mein Tipp hierfür: Wenn du spürst, dass der Raum in der Gruppe dir zu eng wird, öffne die Tür und gehe hinaus. Du wirst eine neue Gruppe finden, wenn du sie brauchst. Oder du begegnest anderen Menschen, die dich jetzt gerade unterstützen und weiterbringen. Die offene Tür lädt auch andere dazu ein, sich neu zu orientieren.
Dritte Orte: für dein Zugehörigkeitsgefühl
Dritte Orte sind Treffpunkte, an denen sich Menschen unverbindlich begegnen. Hier tauschen sie sich aus, wenn sie wollen. So entsteht ein Gefühl von Gemeinschaft, sogar unter bis dahin Fremden.
Das Konzept der dritten Orte ist nicht neu. Vermutlich würde man das Lagerfeuer der früheren Jahrtausende heute auch zu den dritten Orten zählen. Hier kam der Clan zusammen. Geschichten wurden erzählt. Es wurde gegessen, getrunken, gesungen und gespielt.
So wurde das Zusammengehörigkeitsgefühl gefestigt und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit erfüllt.
In der Moderne erfüllten diese Rolle lange Kneipen, Bars oder Cafés. Doch da diese mehr und mehr aus dem Ortsbild verschwinden, der Bedarf der Menschen aber noch da ist, braucht es Alternativen.
Dritte Orte sind neben dem ersten Ort (dem eigenen Zuhause) und dem zweiten Ort (der Arbeitsstelle), die neutralen Orte, wo wir keinerlei Verpflichtungen haben und uns wohlfühlen. Das können sein: Cafés und Kneipen, Vereinsheime und Bibliotheken, Kirchen und Gemeindezentren, Biergärten oder Friseursalons.
Solche Orte können auch im Freien sein, etwa in Parks, wo Menschen sich zum Schach- oder Boulespielen zusammenfinden, beieinander sitzen oder miteinander etwas bewegen.
Vereine bilden dritte Orte, genauso wie gemeinnützige Einrichtungen oder soziale Initiativen.
All diese Räume bieten Anlaufpunkte für Menschen, wo sie einfach sein dürfen. Idealerweise gibt es dort keine Konsumpflicht, was allerdings in der Realität nicht immer zu gewährleisten ist. Dritte Orte helfen auch, der zunehmenden Einsamkeit entgegenzuwirken.
Bei deiner Selbstfindung helfen Sie dir, neue Perspektiven zu erlangen, auf bisher unbekannte Menschen zu treffen (zum Beispiel auf Helferlein) und dich hin und wieder aus dem Kokon herauszubegeben.
Frequenz-Raum: ein Raum, in welchem wir schwingen
Erst, als ich meinen Kokon verlassen hatte, war mir klar geworden, was meine Lebensaufgabe ist: Brücken zu scheinbar unerreichbaren Orten bauen.
Diese Aufgabe hatte ich unbewusst schon als Raupe erfüllt. Doch erst jetzt als Schmetterling gebe ich ihr den Raum, den sie braucht. Ich finde Mittel und Wege, meine Aufgabe zu erfüllen. Überraschenderweise nicht zwangsweise im Berufsleben.
Meine neueste „Brücke“ ist der Frequenz-Raum. Das ist eine ehrenamtliche Initiative, die ich an meinem Wohnort gestartet habe. Gemeinsam mit meiner Mitgastgeberin bringen wir monatlich Menschen zusammen. In einem geschützten Rahmen sprechen wir über gesellschaftlich relevante Themen.
Unser Ziel: Unterschiedliche Blickwinkel kennenzulernen, Perspektiven zu wechseln und voneinander zu lernen. Wir fokussieren uns auf das, was uns verbindet, nicht auf das, was uns trennt.
Wir stellen damit einen dritten Ort zur Verfügung. Tatsächlich wurde der Frequenz-Raum von der FUTURZWEI-Stiftung als „Wohnzimmer der Gesellschaft“ anerkannt. Das sind Räume, in denen die Demokratie gestärkt wird. Weil es notwendig ist!
Denn, so FUTURZWEI: „Eine Demokratie braucht analoge Räume der Begegnung, sie braucht WOHNZIMMER DER GESELLSCHAFT!“
Fazit:
Finde deinen inneren Raum und kombiniere ihn mit zu dir passenden äußeren Räumen. So findest du all die Unterstützung, die du brauchst, um dich als Schmetterling voll und ganz zu entfalten.
Deine Gabriele
PS: Was sind deine Lieblingsräume?




