Warum hat das Alleinsein so einen schlechten Ruf in unserer Welt? Wo verläuft die Grenze zur Einsamkeit und zur Isolation? Und was bewirkt Alleinzeit in Bezug auf Kreativität und Wohlbefinden?
Auf diese und auf weitere Fragen findest du in diesem Essay Antworten.
„Wenn ich nicht genug Zeit alleine verbringe, werde ich unruhig, unleidig und unproduktiv. Denn solange ich unter Menschen bin, kann ich meine Gedanken nicht verarbeiten. Ich kann den Themen nicht tiefer nachgehen, die mich interessieren. Und ich kann nicht auftanken.“ Gabriele Feile
Alleinsein, Einsamkeit, soziale Isolation: die Unterschiede
In den letzten Jahren ist „Einsamkeit“ fast zu einem Modebegriff geworden. Spätestens seit der Pandemie hat sich Einsamkeit als Mainstream-Thema behauptet. Kein Wunder: Während der Lockdowns erlebten viele Menschen, oft erstmalig, wie es ist, allein, einsam oder sozial isoliert zu sein – oder sich so zu fühlen.
Dabei sind diese Beschreibungen, obwohl sie alle einen Status der „Alleinzeit“ beschreiben, nicht dasselbe.
Allein – das waren wir, wenn wir uns an die Regeln hielten und unnötige Kontakte (zumindest in Innenräumen) vermieden.
Einsam – das waren wir, weil uns das Gefühl der Zugehörigkeit fehlte: zum Kollegium, zum Freundeskreis, zum Verein und auch zur Familie (mehr dazu weiter unten).
Sozial isoliert – das waren wir, als wir keinen persönlichen Kontakt zu „haushaltsfremden“ Menschen haben sollten.
Ein Mensch gilt als sozial isoliert, wenn er objektiv wenige soziale Kontakte hat und kein Austausch mit anderen Menschen stattfinden kann. Das gilt beispielsweise für Häftlinge oder für Menschen, die Berufe an entfernten Orten ausüben, wie etwa in der Wüste, im All oder in der Arktis.
Es muss nicht sein, dass sozial isolierte Menschen sich einsam fühlen, obwohl sie viel allein sind. Denn auch die selbstgewählte Isolation kommt vor, etwa bei Menschen, die zurückgezogen in der Abgeschiedenheit der Natur leben oder ihre Wohnstätte nur selten verlassen – aus unterschiedlichen Gründen.
Alleinsein und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit
Menschen, die alleine leben oder die einfach nur oft und viel alleine sind und Dinge alleine tun, werden von vielen Menschen kritisch betrachtet, bemitleidet, ausgegrenzt oder schlechtgeredet. Wer alleine ist, sich alleine zeigt oder alleine lebt ist irgendwie verdächtig.
Als unsere Vorfahren noch in übersichtlichen Gruppen durch die Steppe zogen, waren diese Gedanken legitim und wichtig. Die Menschen damals brauchten einander, um sich Schutz zu geben und um gemeinsam genügend Nahrung zu beschaffen. Wer aus einer Gruppe verstoßen wurde, musste mit dem baldigen Tod rechnen.
Auch heute noch ist es für viele Menschen das Schlimmste, aus einer Gruppe ausgeschlossen zu werden. Das kann in der Schule oder am Arbeitsplatz passieren, im Freundeskreis oder gar in der Familie. Das damit einhergehende Gefühl ist nicht nur äußerst unangenehm, es ist beängstigend. Und es kratzt an unserem Selbstwert.
Es ist eindeutig: Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir brauchen Verbindung und Verbundenheit. Zwar ist es nicht mehr überlebensnotwendig, Teil einer festen Gruppe zu sein. Doch das Bedürfnis nach Gemeinschaft ist bei den meisten von uns stark ausgeprägt.
Es geht einher mit der Identifikation, also unserem Selbstbild. Zu welcher Gruppe wollen wir gezählt werden? Laufen wir lieber mit der Menge mit oder fühlen wir uns wohler, wenn wir gegen den Strom schwimmen?
Viele wählen die Kleinfamilie, die scheinbar vor Einsamkeit schützt, als ihre Gruppe. Der Partner oder die Partnerin heben das Alleinsein quasi auf. Wer Kinder bekommt, hat nicht selten den (heimlichen) Wunsch, dass die Kinder und Enkelkinder im Alter für einen da sind.
Dass dies ein Trugschluss sein kann, erleben viele alte Menschen. Womöglich finden sie in einem Seniorenheim eher menschlichen Anschluss als in der eigenen Familie. Und dennoch trauern sie dort dem Familienleben nach, sofern sie noch rüstig sind.
Es ist so stark in uns verankert, dass wir von der Geburt bis zum Tod einem „Clan“ angehören müssen, dass ein Umdenken oder gar ein Umschwenken äußerst schwierig ist. Sarah Bosetti hat in ihrer Late-Night-Show versucht, die Familie abzuschaffen, weil sie ungerecht ist. Ob ihr das gelungen ist?
Alleinsein ist nicht gleich Einsamkeit
Vorneweg: Es gibt ernsthafte Gründe, die sowohl Alleinsein als auch Einsamkeit fördern, wie soziale Phobien, Krankheiten oder Depression. In diesen Fällen ist professionelle Hilfe unabdingbar.
Häufig wird impliziert, dass Menschen, die alleine sind, auch einsam sind. Doch Alleinsein und Einsamkeit sind zwei ganz unterschiedliche Dinge.
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Wer sich einsam fühlt, spricht oft davon, dass etwas fehlt: Verbundenheit, Verständnis, Ansprache, Aktivität. Es fällt einsamen Menschen häufig schwer, in Kontakt mit Anderen zu treten.
Nicht immer wird die Einsamkeit permanent gefühlt. Oft lösen bestimmte Ereignisse Einsamkeit aus, wie etwa ein Umzug oder eine Trennung aber auch Feiertage wie Weihnachten oder andere Familienfeste.
Wenn Einsamkeit chronisch wird, kann sie zu psychischen Beschwerden und Krankheiten führen.
Wer alleine ist, kann damit absolut im Frieden sein, nämlich dann, wenn er/sie sich dies selbst ausgewählt hat. Sie/er fühlt sich dann weder einsam noch isoliert.
Doch auch Geübte können sich hin und wieder einsam fühlen. Und das sogar, während sie unter vielen Menschen sind.
Mich überkommt ein Gefühl der Einsamkeit meist dann, wenn ich mich in einer Gruppe von Menschen fehl am Platz fühle. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ich mit den anwesenden Menschen offensichtlich nichts gemeinsam habe, sie sich nicht für mich interessieren oder mich, meist unbewusst, ausgrenzen. Das passiert sogar in der Familie.
Um dieser Situation zu entkommen, wähle ich das Alleinsein und lasse damit die Einsamkeit im selben Moment los.
Kurz zusammengefasst heißt das also: Nur weil man alleine ist, ist man nicht automatisch einsam. Und wenn man Teil einer Gruppe ist, kann man sich dennoch einsam fühlen.
Sich selbst genug sein oder immer in Verbindung sein?
Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse. Manche wollen am liebsten keine Minute alleine sein. Andere, so wie ich, brauchen mehr als die Hälfte ihrer Zeit für sich. Gründe dafür sind die eigene Gefühlswelt und auch der Energiehaushalt.
Introvertierte Menschen verlieren Energie, wenn sie unter Menschen sind. Um den Akku wieder aufzuladen, brauchen sie Zeit für sich. Extravertierte Menschen hingegen, tanken unter Menschen auf. Es kostet sie oft mehr Energie, Phasen des Alleinseins zu überstehen.
Hier gilt wie so oft: Die meisten von uns befinden sich im Mittelbereich des Spektrums und kennen beides.
Auch wer ein absoluter Familienmensch oder ausgesprochen extrovertiert ist oder wer einen großen Freundeskreis hat, braucht hin und wieder eine ruhige Minute für sich. Alleinzeiten kommen oft automatisch, in intimen und persönlichen Momenten oder auch gezwungenermaßen im Alltag, wie etwa im Wartezimmer.
Wie diese Momente erlebt werden, das sagt viel über die Haltung zum Alleinsein aus. Können wir still werden und ohne Ablenkung einfach sein? Brauchen wir den Kontakt und sprechen andere Menschen an? Oder lenken wir uns ab mit Lesestoff oder elektronischen Geräten?
Das Smartphone ersetzt heutzutage persönliche Begegnungen und hilft über die Zeiten des Alleinseins oder gar der Einsamkeit hinweg. Zumindest werden beim Scrollen die Hormone ausgeschüttet, die uns vorspiegeln, dass wir nicht alleine sind.
Wie gelingt die Balance zwischen Ich und Wir?
Herauszufinden, wie groß das eigene Bedürfnis nach Alleinsein und nach Gemeinschaft ist, sollte der erste Schritt zur Balance sein. Wer sich nie aktiv und bewusst darum kümmert, kommt womöglich nie dahinter, warum er oder sie stets unzufrieden ist oder an körperlichen und seelischen Zipperlein leidet.
Viele wählen den Weg der Beschäftigung bis hin zur Betäubung, um nicht zu spüren, was ihnen guttut oder auch nicht. Beides geht mit übermäßigem Konsum aller Art: aktiv sein, viele Termine haben, shoppen, Sport machen, trinken, essen, rauchen, Drogen konsumieren usw.
Typischerweise sind das Verhaltensweisen, die dem Raupendasein zugeordnet werden können. Unersättlich frisst die Raupe, scheinbar ohne Unterlass und ohne zu reflektieren. Das ist es halt, was eine Raupe tut, und sie tut es.
Um ein Schmetterling werden zu können, heißt es irgendwann: innehalten. Rückzug, Reduktion und Reflexion sind die drei Rs, die passieren, wenn sich die menschliche „Raupe“ in den Kokon einknüpft.
Bei Menschen heißt das: einen inneren Raum zu entdecken, an dem wir all dies aufbewahren, das uns begleitet, wenn wir alleine sind.
Die Fragen und Antworten nach dem Sinn des Lebens, nach der eigenen Lebensaufgabe, nach dem Warum – all diese halten sich in diesem inneren Raum auf.
Schöpferisch tätig sein im Alleinsein
Es gibt diejenigen, die die Tür zu diesem Raum regelmäßig öffnen. Sie ziehen sich zurück und genießen die angenehme Gesellschaft, ja sie kosten sie aus.
Oft nutzen sie dafür einen wirklichen Raum, ein Zimmer für sich allein, um ein Gegengewicht zu schaffen, zu der oft lauten, vollen und komplexen Welt da draußen.
Hier tanken sie auf, wenn die gesellschaftlichen Verpflichtungen sie mal wieder ausgelaugt haben. Und sie brüten neue Ideen aus, die außerhalb ihres Raumes wahr werden!
All das und noch mehr kann passieren, wenn Menschen sich bewusst für das Alleinsein entscheiden. Es ist keine Absage an die Gemeinschaft, es ist ein Instrument, um in Balance zu bleiben.
Gerade kreative Menschen berichten immer wieder von ihrem Raum. Die britische Schriftstellerin Virginia Woolf setzte sich schon in den 1920ern dafür ein, dass vor allem Frauen (neben ausreichendem Einkommen) ein Zimmer für sich allein bräuchten. In einem Vortrag beschrieb sie dies ausführlich. Das gleichnamige Buch ist bis heute im Handel erhältlich.
Auch heutzutage noch brauchen künstlerisch, musikalisch oder schriftstellerisch tätige Menschen einen Raum, in welchem sie, buchstäblich, von der Muse geküsst werden.
Die Kreativität schickt uns Ideen meist dann, wenn wir offen dafür sind. In fokussierten Momenten und häufig dann, wenn wir allein sind – ob in der Dusche oder beim Spaziergang. Die Natur ist dabei eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Ein Raum kann also auch im Freien wirken, er muss keine Wände haben.
Der innere Raum wird zum Kokon
Nicht immer müssen wir für das Außen produktiv sein. Genauso wichtig ist es, die Anforderungen von außen loszulassen: materiellen Ballast abzuwerfen schafft buchstäblich Raum. Geistigen Ballast zu sortieren entlastet das Gehirn. Und seelischen Ballast zu entfernen bringt uns unserem inneren Kern näher.
Im Kokon passiert genau das: Bei Raupen werden unnötige Körperteile verwandelt oder abgestoßen. Neue Körperteile bilden sich, wie etwa die charismatischen Flügel, die das kriechende Raupenleben endgültig beenden und den Schmetterling vollkommen machen.
In den Kokon kommst du ganz automatisch. Du merkst es meist gar nicht. In dem Moment, wenn du dich innerlich dazu entscheidest, ein Schmetterling zu werden – wahrhaftig und mit allen Konsequenzen – fängst du an, deinen Kokon zu bauen.
Doch Achtung: Es kann dort gleichzeitig gemütlich und ungemütlich sein.
Gemütlich ist es, weil du den Lärm und den Stress von draußen ausschließt und dich weigerst, deine Komfortzone zu verlassen.
Ungemütlich wird es dann, wenn du zulässt, dass du dich verwandelst: seelisch, geistig und physisch. Denn das ist anstrengend und kostet Mut.
Das Gemütliche hat seinen Preis: Du verharrst in deinem „Käfig“.
Das Ungemütliche zahlt sich aus: Du wirst zum Schmetterling und kannst fliegen.
Die Stille als Begegnung mit dir selbst
Es ist unumgänglich: Wenn du dich selbst kennenlernen willst, musst du Zeit mit dir selbst verbringen. Stell dir all die Fragen, die du anderen Menschen stellst, mit denen du gerne zusammen bist. Und gib dir ehrliche Antworten.
Forsche in deinem Inneren nach deiner Lebensaufgabe und finde wie nebenbei heraus, welche Gaben du mitbekommen hast, um diese zu erfüllen.
Sei dir bewusst: Alleinsein ist nichts Schlimmes. Es gibt dir den Raum, so zu sein, wie du gedacht bist. Du brauchst keine Maske und musst keine Rolle spielen, wenn du für dich bist. Du bist einfach du selbst.
Je mehr dir das gelingt, desto weniger macht es dir aus, allein unter Menschen zu sein. Deine Selbstzweifel werden weniger und weniger und haben keinen starken Einfluss mehr auf deinen Selbstwert und dein Wohlbefinden.
Meine Herzensbotschaft für dich:
Sei dein größter Fan und lerne, gerne mit dir selbst zusammen zu sein. Liebe dich, verehre dich und sei dir selbst wertvoll.
Dann geschieht etwas Wunderbares: Du bist dir selbst genug.




