Liebe ist …

 

Wenn ich den Halbsatz „Liebe ist …“ höre oder lese, fallen mir drei Dinge ein:

  • Erstens die niedlichen Cartoons, die in vielen Zeitungen (u. a. seit 1974 in der BILD) abgedruckt werden. Abgebildet sind zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, die ein Liebespaar sind.
  • Zweitens der Song von Nena „Liebe ist“. Auch hier geht es offensichtlich um romantische Lieben zwischen zwei Menschen.
  • Drittens eine Bibelstelle, und zwar die populärste bei kirchlichen Trauungen: „Das Hohelied der Liebe“ (1 Kor. 13, 1-13).

Spätestens beim Lesen oder Hören der Bibelstelle wird eines ziemlich klar: Die Liebe in Paarbeziehungen wird zwar am häufigsten dargestellt, besungen und gefeiert. Doch in Wirklichkeit ist diese romantische Liebe nur eine Form der universellen Emotion Liebe. Liebe existiert zwischen Menschen und anderen Lebewesen. Der romantische Faktor gehört nicht zwangsweise dazu, um Liebe zu empfinden.

Übrigens: Als ich die süßen Cartoons genauer betrachtete, entdeckte ich auch andere Arten der Liebe, die dargestellt sind. Und: Auch das Lied von Nena lässt sich so interpretieren, dass es nicht nur für Liebespaare gilt.

Was Liebe alles sein kann (und was sie nicht ist), darum geht es in diesem Essay.

 

Liebe ist … Musik

Musik ist eine Sprache, die Liebe transportieren kann wie kaum eine andere. Geschätzt geht es in 80 % der populären Songs um die Liebe – glücklich oder unglücklich. Die Liebe inspiriert Musikschaffende zu großartigen Werken. Leider auch zu nicht so großartigen – wie man am deutschen Schlager sehen kann.

Dennoch: Die Liebe scheint nie um Worte oder Musiknoten verlegen. Es gibt so viel auszudrücken, und mit Musik geht es leichter zu sagen: „You are so beautiful“ oder „Du bist das Beste, was mir je passiert ist“ oder „Keine ist wie du“.

Doch: In vielen der Liebeslieder geht es, beim genauen Hinhören, um Anklage, Enttäuschung oder gar Wut: „Du hast mich tausendmal belogen!“ „Warum schickst du mich in die Hölle?“ „Warum hast du nicht nein gesagt?“

Hier werden also die Schattenseiten der Liebe thematisiert, die in den Songs oft vom Gegenüber ausgehen, vor allem wenn die Beziehung gescheitert ist. Musik hilft halt auch sehr beim Verarbeiten von Liebeskummer.

Was viel zu selten vorkommt: Lieder, die Mut machen und die Beziehung zu uns selbst stärken. Das wurde mir vor kurzem erst richtig bewusst, als ich die Sängerin Ute Ullrich bei einem Online-Kongress kennenlernte. Sie schreibt und singt Lieder, die die Liebe zu uns selbst entfachen. Ein Titel von ihr: Lieb dich und leb

Liebe ist … in Romanen zu finden

Romane, auch Liebesromane, gibt es schon seit der Antike. Im 19. Jahrhundert erfuhren sie eine „Modernisierung“, dank Autorinnen wie Jane Austen, die die weibliche Sicht beisteuerten. Dennoch wird auch in ihren Büchern vieles nur angedeutet, was der Prüderei jener Zeit zuzurechnen ist.

Was auffällt: In älteren Romanen wird sehr oft von Liebe gesprochen, wenn es doch eigentlich um Verliebtheit geht. Zwei Menschen treffen sich, schmachten sich an und behaupten schon nach wenigen Begegnungen, sich tief und innig zu lieben. Körperliche Nähe ist vor der Hochzeit verpönt, vielleicht ein Grund, warum in alten Büchern oft schnell geheiratet wird.

In den Romanen von heute ist es eher umgekehrt: Mit Sex beginnt alles, dann folgen Irrungen und Wirrungen und ein Liebesgeständnis ist oft erst im letzten Kapitel zu finden.

 

Liebe ist … Hollywood

Zum Jahresende naht sie zuverlässig: die Zeit der RomComs, also der romantischen Komödien. Ob „3 Nüsse für Aschenbrödel“ oder „Tatsächlich Liebe“ – sie alle vereinen dieselbe Story: Zwei Menschen verlieben sich, müssen Hindernisse überwinden und finden am Ende zusammen.

Ein Heiratsantrag, ein Kuss und ein Streichorchester. So enden zahlreiche Liebesfilme. Uns wird seit Jahrzehnten verkauft: Echte Liebe endet in der Ehe. Der Alltag, der nach dem Verliebtsein zwangsweise eintritt, wird nicht erwähnt. Streits und Schicksalsschläge werden eventuell in einem neuen Drehbuch aufgeschrieben – das natürlich auch wieder ein Happy End hat.

Hollywood bedient die Sehnsucht nach der perfekten Beziehung, in der uns jemand anders bedingungslos liebt, uns alle Wünsche von den Augen abliest und mit uns durch dick und dünn geht.

Das klingt einfach schön. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass jemand genau das auch von uns erwartet. Und jetzt Hand aufs Herz: Können und wollen wir das „leisten“?

Die Wahrheit ist, dass wir nicht perfekt sind und aus vielerlei Gründen Fehler machen in Beziehungen. Wahre Liebe erkennt das und erwartet nicht, dass die/der „Andere“ alles heilt. Zu lieben und geliebt zu werden sind zweierlei Seiten einer Medaille. Und beide Seiten wollen poliert werden.

Liebe ist … eine Kunst

Erich Fromm schrieb mit „Die Kunst des Liebens“ in den 1950er-Jahren ein Werk, das Schullektüre sein sollte. Auf weniger als 160 Seiten schafft es der Psychoanalytiker, die Liebe in all ihren Aspekten zu beschreiben. Dabei geht er weit über die von falschen Vorstellungen umgebene romantische Liebe hinaus und bespricht Mutterliebe, Nächstenliebe, Erotik, Eigenliebe und die Liebe zu Gott.

Schon in der Einleitung macht Erich Fromm klar: Wir haben kein Anrecht darauf, von anderen geliebt zu werden. Auch wenn wir alles tun, um liebenswert zu sein.

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Denn das, was wir in der westlichen Welt (und darüber hinaus) als liebenswert ansehen, bedeutet in der Regel: attraktiv sein. Die Attraktivität hängt von der jeweiligen Mode ab, doch bei Männern meint sie oft: erfolgreich, mächtig und reich. Bei Frauen: schön und begehrenswert. Kurzum: Eine Mischung aus Beliebtheit und Sex-Appeal sorgen für Liebenswürdigkeit.

Ziel ist es häufig: den passenden Ehepartner / die passende Ehepartnerin fürs Leben zu finden. Dann ist alles gut. Das gilt für alle Generationen und wird, wie oben erwähnt, in vielerlei Form kultiviert und für „richtig“ befunden.

Fromm erklärt das damit, dass wir durch unser Wirtschaftssystem darauf getrimmt sind, ein Geschäft zu machen. Verliebtsein entsteht folglich, wenn zwei Menschen das Gefühl haben, das beste Objekt gefunden zu haben.

Nicht umsonst sprechen wir heute auch bei materiellen Objekten von „Liebe“. Menschen lieben ihren Fernseher, ihr Smartphone oder ihr Auto!

In seinem Buch geht Erich Fromm darauf ein, wie wir die Kunst des Liebens lernen können. Er vergleicht das Liebenlernen mit dem Lernen eines Berufs, eines Handwerks oder einer Sprache: Es braucht Übung in Theorie und Praxis.

Liebe ist … eine Haltung

Fromm wird konkreter und macht deutlich: Liebe ist nicht in erster Linie die Bindung an eine einzelne Person. Denn: Wenn jemand nur eine einzige andere Person liebt und ihm alle Mitmenschen gleichgültig sind, handelt es sich nicht um Liebe, sondern um einen erweiterten Egoismus.

Dieser entsteht dadurch, dass Menschen glauben, Liebe kommt durch ein Objekt zustande. Es braucht dabei immer jemanden (oder etwas), den/das man lieben kann und von dem man geliebt wird – exklusiv.

Das ist ein fataler Irrtum. Denn das würde bedeuten, dass wir nicht lieben können, wenn wir dieses eine Objekt nicht gefunden haben. Das wäre so, sagt Fromm, als ob wir so lange warten, um mit dem Malen zu beginnen, bis wir das perfekte Objekt zum Malen gefunden hätten. Eventuell finden wir es nie.

Die Liebe ist also nicht exklusiv, sie ist allumfassend. Wer die Fähigkeit hat, einen Menschen zu lieben, kann auch alle anderen Menschen lieben. Und sich selbst.

Liebe ist … Nächstenliebe

Diese fundamentale Art der Liebe, von der Jesus und andere spirituelle Vorbilder sprachen, umfasst ein Gespür für Verantwortlichkeit, Fürsorge, Achtung und „Erkenntnis“. Das Gespür gilt allen anderen menschlichen Wesen und beinhaltet den Wunsch, deren Leben zu fördern. Nächstenliebe ist nicht exklusiv. Sie beinhaltet die Einheit aller Menschen und die Solidarität untereinander. Wenn Nächstenliebe von allen gelebt wird, herrscht Frieden. Punkt.

Liebe ist … Natur

Ich gehe so weit, dass wir die Nächstenliebe auch auf Tiere und die Natur ausweiten können, auch wenn Erich Fromm das nicht explizit betont. Das Erhalten der Schöpfung für alle, die darin leben, ist das Fundament christlicher Werte und ist auch in anderen Religionen und Kulturen verankert.

Wer also die Kunst des Liebens beherrscht, hat den Wunsch, den Lebensraum von uns allen zu erhalten. Klimaschutz, Artenschutz, Naturschutz, Tierschutz und weitere – all diese sehe ich als „Objekte“, die es sich zu lieben lohnt.

Liebe ist … ein Herz für Kinder

Erich Fromm schreibt von der mütterlichen Liebe, die in den 1950er-Jahren besonders hervorgehoben wurde. Ich möchte diesen Aspekt der Liebe erweitern auf die Liebe zu Kindern – von Mutter, Vater, Großeltern und allen anderen Menschen, die Kinder mit aufziehen.

Wir wissen heute, wie stark sich die Erfahrungen aus der Kindheit auf das spätere Leben auswirken können. Die Verantwortung dafür einer einzelnen Person (in diesem Fall der Mutter) zu geben, widerspricht aus meiner Sicht dem Prinzip der Nächstenliebe. Kinder brauchen, neben einer Versorgung, vor allem das Gefühl, dass es gut ist, dass es sie gibt. Sie sind gut so, wie sie sind und werden bedingungslos geliebt.

Liebe ist … Erotik

Die erotische Liebe basiert auf dem Verlangen nach vollkommener Vereinigung, nach der Einheit mit einer anderen Person. Sie ist nach dieser Erläuterung „exklusiv“ und nicht universal. Es ist unmöglich, sich mit allen lebenden Menschen vollkommen zu vereinigen.

Die sexuelle Vereinigung wird von vielen als Gipfel der Intimität angesehen. Alle Schranken zwischen Menschen fallen, so fühlt es sich an. In Wirklichkeit stellt sich diese Nähe häufig als trügerisch heraus, wenn sie die einzige Form von Nähe zwischen zwei Menschen ist. Das bedeutet, die Geschlechtspartner kennen einander nur wenig, also weder die andere Person, noch sich selbst.

Echte Liebe kennt die körperliche Vereinigung ohne Gier und Eroberungswunsch, sondern mit purer Zärtlichkeit. Sie setzt Nächstenliebe voraus, also den Wunsch, das Leben anderer zu fördern.

Liebe ist … sich selbst zu lieben

Sich selbst zu lieben, das ist egoistisch, oder gar eine Sünde! Selbstliebe galt lange (und vielleicht auch noch heute) als Selbstsucht. Man nimmt an, dass wer sich selbst liebt, andere grundsätzlich nicht liebt. Das ist natürlich völliger Unfug. Eher trifft das Gegenteil zu: Wer sich selbst nicht liebt, wird auch andere nur schwer oder gar nicht lieben können.

Wer sich selbst hingegen annimmt, liebt und wertschätzt, kann das auch bei den Nächsten tun. Das ist mit Jesus Aussage gemeint: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!

Es ist zum Glück möglich, die Selbstliebe zu erlernen und damit die Kunst der Liebe. Selbstakzeptanz und Selbstfürsorge sind wichtige Bausteine dazu. Sich selbst wichtig zu sein, sollte Teil jedes einzelnen Tages unseres Lebens sein. Denn wir sind wertvoll und es wert, (von uns) geliebt zu werden.

Liebe ist … göttlich

Erich Fromm schließt seine Beobachtungen rund um die Kunst des Liebens mit der Liebe zu Gott ab. In unserer aufgeklärten Welt lehnen viele Menschen die Verbindung zu einer Gottesfigur (oder mehreren) ab. Das ist in Ordnung.

Und dennoch bin ich sicher, dass selbst die überzeugtesten Atheisten manchmal ein Gefühl der Göttlichkeit erleben. Nennen wir es Universum, höhere Macht, Schicksal – der Glauben an etwas, das größer ist als wir selbst, hilft uns, so manche Herausforderung zu meistern.

Unfälle, Krankheiten, Schicksalsschläge – sie alle verlangen einiges von uns ab. Wer in diesen Situationen an das „Göttliche“ glaubt, wie auch immer dieses sein mag, lebt eine besondere Art der Liebe.

Liebe ist … einfach und kompliziert

Erich Fromm geht in seinem Büchlein in bemerkenswerter Klarheit auf die Aspekte der Liebe ein. Auch wenn nicht alles mehr in unser heutiges Weltbild passt, so ist doch die Ursache der verlorenen Liebesfähigkeit für Fromm auch damals schon deutlich: Das Wirtschaftssystem, das Wohlstand und Besitz in den Vordergrund stellt, hat uns das Lieben abtrainiert.

In einer Welt, in der sich alles um Materie dreht, ist wenig Platz für Immaterielles. Was nicht gezeigt und gepostet werden kann, scheint keinen Wert zu haben. Gefühle, die wohltuend sind, lassen sich nur schwer öffentlich ausdrücken. Es scheint uns leichter zu fallen, Ärger, Wut oder Schmerz zu thematisieren als Freude, Dankbarkeit oder Hoffnung.

Das könnte ein gemeinsamer Vorsatz für das neue Jahr sein: wohltuende Gefühle zulassen und gerne auch teilen!

Deine Gabriele

 

Liebe ist ein Geschenk und mehr steht in einem Holzrahmen, der an der Wand neben Vasen lehnt.

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