Eine Parabel über Freundlichkeit
Vor einigen Jahren arbeitete ich bei einer Personalberatung. Wir besetzten hochkarätige Jobs in der Modebranche. Was wie ein glamouröser Job klingt, war in Wirklichkeit eins: ein A… voll Arbeit.
Es war so viel Arbeit, dass an einem Mittwoch, es war kurz vor Weihnachten, mein Körper aufgab. Ich spürte meine Arme nicht mehr und musste als Notfall zum Arzt. Dieser stellte fest, dass Rücken und Schultern extrem verhärtet waren und linderte die Schmerzen mit einer Spritze, was er über die nächsten Wochen mehrfach wiederholte. Da die Firma über die Feiertage geschlossen war, konnte ich mich in dieser Zeit einigermaßen erholen.
Am ersten Tag nach der Pause war die Erholung allerdings vergessen. In einem spontanen Meeting wurde uns verkündet, dass wir in zehn Tagen drei neue Berater samt Teams an Bord bekommen. Das hieß: Rund 15 neue Arbeitsplätze mussten bis dahin geschaffen werden – inklusive IT-Ausstattung.
Weil ich damals, zusätzlich zu meinem „normalen“ Job, auch für die IT zuständig war, schauten alle mich an. Und mein Rücken meldete sich in diesem Moment zuverlässig zurück – schmerzhaft.
Glücklicherweise hatten wir einen externen IT-Fachmann, der für die operative Umsetzung zuständig war. Koordinieren und managen musste ich es dennoch. Es ging alles gut. Wir schafften den Auszug eines Teams in ein externes Büro und schufen für die neuen Mitarbeitenden komplette Arbeitsplätze mit Rechnern, Laptops, Telefonen und Blackberrys samt zugehörigem Server (ja, das gab es damals noch).
Ein Bonus als Wertschätzung: gut gemeint – aber schlecht gemacht
Ein paar Wochen später kam mein Chef auf mich zu und sagte: „Gabriele, wir haben in der Gesellschafterversammlung beschlossen, dass wir dir für deinen extremen Einsatz, speziell im Bereich IT, eine Sonderprämie von 10.000 Euro zahlen wollen.“
Ich war überrascht, nahm aber den Brief, den er mir hinhielt, mit einem Dank entgegen. Wie es sich gehört, schrieb ich gleich eine E-Mail an alle Partner und Partnerinnen und bedankte mich für diese Geste. Es passierte erst mal nichts.
Ein paar Stunden später bekam ich zwei Antworten von zwei Kolleginnen aus Frankfurt und Zürich. Beide schrieben sinngemäß: „Liebe Gabriele, du hast es wirklich verdient. Nur weil du so hart arbeitest, klappt das mit der IT so gut. Vielen Dank.“ Von den Männern kam nichts.
Diese beiden verhältnismäßig herzlichen E-Mails habe ich mir ausgedruckt. Sie bedeuteten mir viel mehr als die irgendwie gefühllosen 10.000 Euro. Zumal ich diese gar nicht bekam.
Denn bei der nächsten Gehaltszahlung wurden sie nicht überwiesen. Die Buchhalterin erklärte mir, als ich nachfragte, sie wisse von nichts. Mein Chef hatte sie also nicht rechtzeitig informiert. Und damit wurde aus der sicherlich gut gemeinten Geste leider eine schlecht gemachte Tatsache. Die Auszahlung einen Monat später änderte daran auch nichts.
Eine Parabel: Wie kam es zu dieser unbefriedigenden Situation?
Die folgende Geschichte entstand nur in meinem Kopf. Sie könnte so oder so ähnlich stattgefunden haben und ist als Parabel dazu da, etwas lehrhaft zu erklären:
Markus und das Meisterstück
Am Tag bevor mein Chef, Markus, mit mir sprach, war er auf Geschäftsreise. Er hatte einen wichtigen Termin bei einem potenziellen Kunden – und hat ihn tatsächlich gewonnen! Das war ein Meisterstück, weil wir schon viele Monate daran gearbeitet hatten.
Als er am Abend gegen 21 Uhr endlich von seiner anstrengenden Reise nach Hause kam, freute er sich darauf, mit seiner Frau auf den großen Erfolg anzustoßen. Er hatte extra noch eine Flasche Schampus am Flughafen besorgt.
Als sie ihn mit den harschen Worten begrüßte: „Sag mal, warum kommst du so spät? Ich warte seit 2 Stunden auf dich, wir wollten doch heute unsere Reise nach New York besprechen und buchen. Hast du das vergessen?“ war seine Euphorie schlagartig weg.
Er ließ die prickelnde Flasche in seinem Koffer, ging in die Küche und machte sich ein Bier auf. Seine Frau war in der Zwischenzeit schluchzend im Bad verschwunden.
Tina und die Kaffeemaschine
Tina, so hieß seine Frau, hatte am selben Tag ebenfalls einen wichtigen Termin gehabt. Ein Kunde hatte sich zum Jahresgespräch angekündigt, und weil die Rezeptionistin krank war, musste Tina sich selbst um die Bewirtung der 4 Gäste kümmern. Sie begrüßte alle und nahm die Getränkebestellung auf.
Als sie die Küche betrat, kam ihr eine Kollegin entgegen mit einer Tasse Kaffee in der einen und ihrem Handy in der anderen Hand. Sie schaute nicht mal auf, als Tina sie freundlich begrüßte.
An der Kaffeemaschine verflog Tinas Freundlichkeit. Die Maschine blinkte und das Display zeigte: Bohnen füllen und Kaffeesatz leeren. „Oh, Mann“, jammerte Tina, „das fehlt mir jetzt noch! Warum konnte die blöde Kuh das nicht füllen, die sich offensichtlich gerade einen Kaffee geholt hat?“
Also tat Tina alles, was die Maschine verlangte, platzierte Kekse neben den Kaffeetassen und lief zweimal zum Konferenzraum und zurück, bis sie alle mit Getränken versorgt hatte. Als die Besprechung endlich beginnen konnte, war sie fix und fertig und konnte sich nur mit Mühe auf die Fragen der Kunden konzentrieren. Sie nahm sich vor, sich die Kollegin nachher mal zur Brust zu nehmen.
Melanie und der Geburtstagsgruß
Ihre Kollegin, das war Melanie: Eine immer fröhliche und hilfsbereite Mitarbeiterin in der Buchhaltung. An diesem Tag erlebte sie eine große Enttäuschung. Sie hatte vor einer Woche einem guten Freund von ihr, nämlich Sven, zum Geburtstag gratuliert. Und das nicht einfach so per SMS oder E-Mail. Nein, sie hatte ihm eine richtig außergewöhnliche Karte per Post geschickt. Von Hand hat sie ihm ein kleines lustiges Gedicht geschrieben und ein paar kreative Wünsche formuliert.
Sie hatte die Karte extra vier Tage vor dem Geburtstag eingeworfen, damit sie rechtzeitig bei ihm in Berlin ankam. Bis heute hatte sie nichts von ihm gehört. „Hoffentlich ist die Karte angekommen“, dachte sie sich, „man weiß ja nie, ob die Post zuverlässig ist. Das wäre ja megapeinlich, und er muss denken, ich habe seinen Geburtstag vergessen.“
Als sie in der Mittagspause kurz mit ihrer Freundin telefonierte, erwähnte diese in einem Nebensatz, dass ihr gemeinsamer Freund, Sven, auf Facebook am Tag nach seinem Geburtstag ein lustiges Bild gepostet hat. Damit hat er allen, die ihm auf Facebook und „auf allen anderen Wegen“ zum Geburtstag gratuliert hatten, gedankt.
Melanie war völlig von den Socken und beendete das Gespräch so schnell wie möglich. Sie brauchte jetzt erst mal eine Stärkung und trabte in die Küche. Sie gönnte sich einen großen Cafélatte und versuchte parallel dazu den Eintrag von Sven auf Facebook zu finden.
Weil sie aber selbst nicht auf Facebook war, klappte das leider nicht. Als sie rausging, stieß sie fast mit ihrer Kollegin Tina zusammen, die gerade in die Küche hechtete.
Stell dir jetzt ein paar verschwommene Bilder vor
Wäre diese Geschichte ein Film, würden jetzt die Bilder verschwimmen und etwas komische Musik würde gespielt werden. Als Zuschauer wissen wir: Das ist ein Zeitsprung. In diesem Fall zu einem Paralleluniversum! Wir sehen Melanie an der Kaffeemaschine, fröhlich pfeifend und mit strahlenden Augen.
Melanie und der Anruf
Gerade eben hat Sven aus Berlin sie angerufen. Er entschuldigte sich, dass er so lange gebraucht hatte, um sich zu melden. Aber leider war er die letzten Tage krank und konnte kaum sprechen. Er bedankte sich überschwänglich für die tolle Geburtstagskarte, die Melanie ihm geschickt hatte. Sie war schon zwei Tage vor seinem Geburtstag da, und er tigerte täglich drumherum, weil er sich so freute, sie aufzumachen.
„In der Tat, es war der einzige Glückwunsch, den ich per Post bekommen habe!“ hatte Sven sich gefreut. „In der heutigen Zeit ist das was ganz Besonderes. Und die Karte samt deinen Wünschen waren so persönlich, dass ich sie mir an den Kühlschrank gehängt habe, um sie jeden Tag zu sehen! Vielen lieben Dank!“
Tina und die helfende Hand
Melanie freute sich unglaublich, dass ihre Geste so gut ankam und hatte beschlossen, sich einen schönen Cafélatte zu gönnen. Anschließend murrte die Maschine, dass die Bohnen leer sind und der Kaffeesatz voll. Sie füllte erstere auf, leerte letzteren und prüfte noch kurz Wasser und Milch.
Als sie fertig war, stand ihre Kollegin Tina hinter ihr, die irgendwie gehetzt aussah. Auf ihre Frage antwortete sie: „Ich habe vier Gäste, die alle was anderes trinken wollen und bin sehr aufgeregt, weil es sich um wichtige Kunden handelt.“
Melanie dachte nicht lange nach, holte die passenden Tassen aus dem Schrank und half Tina alle Getränke vorzubereiten. Sie trug ihr sogar noch einen Teil der Tassen in den Konferenzraum und brachte noch schnell Süßstoff, den sie vergessen hatten.
Markus und das Blubberwasser
Tina hatte ein erfolgreiches Treffen mit dem Kunden und ging etwas früher nach Hause. Sie hatte sich daran erinnert, dass ihr Mann heute erst später kommen wird, weil er auf Geschäftsreise ist. Und weil sie ihm wünschte, dass er einen neuen Kunden akquiriert hatte, besorgte sie vorsorglich noch eine Flasche Schampus, um mit ihm anstoßen zu können.
Sie wollten außerdem heute Abend noch ihre Reise nach New York buchen. Deshalb nutzte sie die Zeit und suchte schon mögliche Flüge und Hotels raus, sodass sie nur noch eine Entscheidung treffen mussten. Als Markus, ihr Mann, um 21 Uhr endlich zu Hause war, war sie bester Stimmung – und er auch. Er hatte nämlich den großen Kunden gewonnen und freute sich sehr, dass sie an den Schampus gedacht hatte und mit ihm anstieß.
Gabriele und der IT-Administrator
Am nächsten Morgen war Markus früh im Büro und rief, als alle da waren, kurz das ganze Team zusammen. Er erzählte uns von dem neuen Kunden, bedankte sich bei jedem und jeder Einzelnen individuell für die hervorragende Vorbereitung des Termins und hatte für mich noch eine andere Neuigkeit.
Er fasste zusammen, wie anstrengend die letzten Wochen waren und wie dankbar alle Partner sind, dass die Eingliederung der neuen Teams auch IT-mäßig so gut geklappt hat. Im Namen aller Partner bedankte er sich ausdrücklich für die überdurchschnittliche Arbeit.
Er überreichte mir einen Umschlag zusammen mit einer Schachtel „Merci“ und betonte nochmals, dass es nicht selbstverständlich ist, unter solchem Zeitdruck so exzellent zu arbeiten. Und er erklärte, dass die Gesellschafter beschlossen hatten, einen IT-Administrator einzustellen, um diese umfassenden Aufgaben zukünftig von mir fernzuhalten!
Im Umschlag war eine Dankeskarte mit den Unterschriften von allen Partnern und Partnerinnen und ein Brief mit der Verkündung, dass 10.000 Euro mit meinem nächsten Gehalt ausbezahlt würden. Die Buchhaltung hatte eine Kopie des Briefes bekommen, das sah ich am CC. Und ich strahlte noch den ganzen Tag und hatte so viel Energie, dass ich selbst noch einen zweiten Blackberry-Server installieren hätte können!
Die Moral von der Geschichte:
Unfreundlichkeit setzt eine zerstörerische Lawine in Bewegung.
Freundlichkeit eine Welle der Freude.




